Bericht zur DEM 2026: „Thüringer Bauernsturm – Die Kleinen mucken auf!“

Willingen. Gut einen Monat ist die Deutsche Jugendeinzelmeisterschaft 2026 in Willingen schon her und mag bei dem einen oder anderen Teilnehmer noch nachschwingen. Für unsere Kiebitze und Interessierten, die das Turnier vielleicht von zuhause verfolgt haben, folgt nun ein Rückblick auf das Event:

Samstag, 23.05.

Willingen empfing uns am Anreisetag mit leichtem Regen, was die Vorfreude auf die kommenden Tage nicht schmälern sollte; außerdem sollte es nach Wetterbericht noch richtig sommerlich werden. Der übliche Ablauf an diesem Tag: Ankommen, Einchecken, die allseits beliebten Teilnehmerfotos schießen (alle zu sehen auf https://www.deutsche-schachjugend.de/2026/dem/lv/thueringen/) und auf die feierliche Eröffnung am Abend warten. Unsere Delegation dieses Jahr bestand aus 33 Spielern und Spielerinnen in allen Turnieren, inkl. KiKa-Turnier (23.-25.05.) und U8/U8w, welche erst am 26.05. starteten.

Als Trainer dabei waren Norbert Reichel, Mathias Philipp, Heiko Machelett, Tim Nicolai, Frank Große und Ha Thanh Nguyen; die Delegationsleitung übernahm wieder Stefan Koch, der wie jedes Jahr sehr viel Zeit und Schweiß für die Organisation im Vorfeld und während des Turniers investierte. Vielen Dank nochmal an ihn und alle Betreuer!

Die Eröffnungsfeier lief glatt über die Bühne, Aria (U10w), Tilda (U18w) und Linus (U18) marschierten für Thüringen mit der Fahne ein und dann hieß es, Feuer frei für die DEM 2026!

Sonntag, 24.05.

Der erste Turniertag startete mit einer Doppelrunde, die anstrengend zu werden versprach. Viel Zeit für Vorbereitung war nicht, da die Auslosung am Abend vorher erst zwischen 20 und 21 Uhr rauskam. Gerade für die älteren Altersklassen nicht ganz optimal, hier gab es größtenteils Auslosungen gegen deutlich stärker gesetzte Gegner, welche normalerweise eine doch ausführlichere Vorbereitung benötigten. Eine ebenso große Herausforderung war es aber erstmal, in den Turniersaal zu kommen, dieses Jahr gab es nämlich eine Neuerung in den Sicherheitsvorkehrungen: Alle Teilnehmer, Eltern und Betreuer sollten vorm Betreten des Spielsaals durch Metallscanner gehen – ähnlich wie am Flughafen – damit elektronische Geräte draußen bleiben und die Cheating-Wahrscheinlichkeit gesenkt wird. Später galt dieser kleine Umweg nur für Erwachsene und die U18/U18w-Spieler, da es bei zwei Scannern und mehreren hundert Menschen doch zu einem ganz schönen Stau kommen kann. Eventuell habe ich vor mir jemanden mit Smartwatch den Scanner durchlaufen sehen und das ohne Konsequenzen, aber vielleicht habe ich mich auch verguckt …

Fazit zum ersten Tag: Große Überraschungen gab es in allen Altersklassen in der ersten Runde noch nicht, also gab es Luft nach oben. In der zweiten Runde sah es schon besser aus: viele Pflichtsiege wurden eingefahren und ein paar starke Remisen. Die einzigen Thüringer Teilnehmer, die nach dem ersten Tag mit weißer Weste verblieben, waren Dmytro Boroshnev (U12) und Fabienne Huth (ODJM D). Aber es bleiben ja noch 7 Runden.

Montag, 25.05.

Nachdem alle Teilnehmer ausschlafen konnten, weil die 3. Runde erst um 14:30 Uhr startete, wurde fleißig vorbereitet und man merkte, dass das Warm-Up abgeschlossen war und alle im Turnier angekommen sind. Die 3. Runde fiel wieder gemischt aus. Was mir im Nachhinein auffiel: Unsere beiden am Ende Top-5-Platzierungen, Jonathan Franz Meitzner (U12) und Amalia Sniegowski (ODJM D) starteten jeweils mit zwei Remisen ins Turnier, und das eher gegen nominell deutlich schwächere Gegner (was bei einer DEM nicht unbedingt etwas heißen muss); ihre dritte Partie gewannen beide. Was ich damit sagen will: Ein verhaltener Start sagt noch nichts über den Turnierverlauf auf, also niemals entmutigen lassen :)

Dienstag, 26.05.

8:30 Uhr, Start von Runde 4. Dmytro in der U12 versucht seine weiße Weste mit 3/3 gegen den späteren Deutschen Meister, Harshill Pradeep, zu halten, was ihm leider nicht gelang, aber das passiert. Dafür bezwang unter anderem Linus (Setzliste 26) in der U18 mit Schwarz FM Sebastian Haubold (Setzliste 9) und zeigte, dass man niemanden unterschätzen sollte – besonders nicht uns Thüringer. Auch schön war, dass nach der 4. Runde kein Thüringer Spieler oder Spielerin mehr 0 Punkte auf dem Konto hatte. Ausnahme bildete die U8/U8w, da diese erst an diesem Tag anreisten (bzw. teilweise schon vor Ort waren) und am Mittwoch in ihr 7-ründiges Turnier starten sollten.

Der freie Nachmittag und Abend wurde teils mit Vorbereitung auf die morgige Runde und teils mit Freizeitaktivitäten wie Tischtennis, Gesellschaftsspiele und Werwolf verbracht. Ein paar Thüringer Schachlustige nahmen auch am beliebten Blitzturnier teil, u.a. Team „Bratwurst Blitz“, „Lars“ oder „Londoner ohne System“. Doch für die meisten hieß es Kräfte sparen, denn die zweite Hälfte des Turniers sollte nochmal spannend werden.

Mittwoch, 27.05.

Zweiter und letzter Tag mit Doppelrunde für die älteren SpielerInnen (U8 spielt jeden Tag zwei Runden), danach kommen nur noch Einzelrunden. Richtig gut weggekommen sind unter anderem Amalia in der ODJM D, die mit einem Doppelsieg nun vier Siege in Folge einfuhr. Auch Gabriela in der U16w holte 1,5 aus 2 Punkten, mitunter den halben Punkt gegen die spätere Drittplatzierte, und eine Top-10-Platzierung schien in realistisch greifbarer Nähe. Jonathan (U12) hatte in der 5. Runde wohl einen Großmeister-Schutzengel über sich – in einer objektiv doch sehr verlorenen Stellung überschritt sein Gegner im 28. Zug seine Zeit, sodass Jonathan der volle Punkt zugeschrieben wurde. Dazu lässt sich nur sagen – auch die Zeit ist ein enorm wichtiger und essentieller Bestandteil des Schachspiels, welche es zu meistern gilt. In der 6. Runden traf er dann auf Harshill Pradeep, dem ich nun den Namen Thüringen-Terminator gegeben habe, denn Harshill siegte über Jonathan wie über Dmytro. Aber wir sehen uns nächstes Jahr nochmal und da schaut’s vielleicht wieder anders aus.

Donnerstag, 28.05.

Das letzte Drittel des Turniers steht an und Runde 7 um 14:30 Uhr. Vormittags fand wie jedes Jahr die Fußballländermeisterschaft statt, bei der wir diesmal leider nicht bis zum Finale gekommen sind, doch es war trotzdem ein schönes Erlebnis. Zum Schachlichen: Eine Spitzenbrettpaarung hatten wir in der ODJM D, bei der Amalia theoretisch bereits nach dem 9. Zug nahezu auf Gewinn stand – allerdings hatten wir die konkrete Variante nicht in der Vorbereitung, sodass sie die Fortsetzung am Brett finden musste und unter hohem Druck erscheint vieles leider nicht so leicht wie am Computer. Ihr Gegner bot viel Gegenspiel und nach einer Partie mit vielen Auf und Abs hieß es am Ende leider 0-1 gegen Amalia (dennoch stark, denn es war ihre erste und einzige Verlustpartie in diesem Turnier). Jonathan ließ sich nach seiner gestrigen Niederlage nicht entmutigen und gewann prompt gegen Setzlisten-7. Peter Steinbrenner.

In der U8 startete Mila mit starken 2,5/4 Punkten bei den Mädchen, die Jungs jeweils mit 1 Punkt (Theodor) bzw. 1,5 Punkten (Jannik); drei Partien stehen noch an. Auch wenn die U8 manchmal im großen Turnier etwas untergeht, da sie später starten und ein separates Turnierareal haben, bin ich jedes Mal begeistert und fasziniert, was so junge Spielerinnen und Spielern bereits draufhaben. Die jeweils Setzlistenersten besaßen schon eine 1250 (U8w) bzw. 1500 DWZ (U8w) – das hatte ich erst in der U12 bzw. U14. Deutsche Meisterschaft eben, da sind wirklich die Besten der Besten.

Freitag, 29.05.

Kurz und knapp die Highlights: Gabriela (U16w) gewann gegen die nominell deutlich stärkere Johanna Richter und trifft in der letzten Runde auf Tamila Trunz, die bis dato Erstplatzierte. Jonathan (U12) siegte gegen Wunderkind Arian Alloussi (eigentlich noch U10) und spielt am Samstag ebenfalls gegen den noch Erstplatzierten Yunqi Li. Zu einer besseren Platzierung könnte ihm Dmytro helfen, der nach seinen letzten zwei Siegen zum Schluss gegen den noch Drittplatzierten Konstantin Müller antritt. In der ODJM D gewann Amalia ihre Partie, dennoch gibt es einen kleinen Dämpfer: Trotz einem halben Punkt Unterschied wurden sie und Fabienne für die letzte Partie gegeneinander gelost, das bedeutet, dass es sehr wahrscheinlich nur eine von beiden in die Top 5 schaffen wird. Sowas ist ärgerlich, aber gehört vor allem in den Offenen Turnieren leider dazu. Thüringeninterne Auslosungen gab es ein paar bei der DEM, doch starkes Konkurrenzdenken hat man nicht gespürt, sondern nur gegenseitige Unterstützung und Mitfreude, egal bei welchem Ergebnis.

Da das Wetter wirklich sommerlich warm war, ging es für die Thüringer Delegation am Nachmittag zusammen ein Eis essen. Für den sportlichen Ausgleich sammelten sich viele auch noch zum Volleyball spielen, bevor es an die letzte Vorbereitung des Turniers ging.

Samstag, 30.05.

Das letzte Mal den Spielsaal für eine Schachpartie betreten, bevor dieser für die Siegerehrung am Abend umgebaut wird. Kleine Anekdote: Linus (U18) verschlief die letzte Runde fast, da er seinen Wecker nicht gehört hatte. Zehn Minuten vor Rundenbeginn ist er zum Glück aufgewacht und zum Brett gesprintet, wo er – ohne sich vorbereitet zu haben – gegen seinen Gegner gewann und das Turnier schön abschloss. So kann es auch laufen (aber bitte nicht als Vorbild nehmen). Nach nur einer Stunde dann der erste Herzschlagmoment in der U12: Jonathans Vorbereitung klappte perfekt und er opferte im 12. Zug seinen Läufer auf h7; nach dem 20. Zug gab Li Yunqi auf und er musste sich von seinem Deutschen Meistertitel verabschieden. Je nachdem, wie die anderen Bretter spielten, war sogar eine Top-3-Platzierung für Jonathan nicht auszuschließen. Leider lief es bei Dmytro nicht ganz so glücklich, weswegen sein Gegner Konstantin Müller mit dem Sieg noch an Jonathan vorbeizog. Letztendlich wurde es der 4. Platz für Jonathan, worüber wir uns alle sehr gefreut haben, denn er hat ein starkes Turnier gespielt.

Gabriela remisierte gegen die 300 Punkte stärkere Tamila Trunz und landete auf einem sehr guten 6. Platz, also 11 Plätze besser als ihr Setzlistenplatz. In der ODJM D trennten sich Amalia und Fabienne in einer ausgeglichenen Stellung Remis. Daraus resultierte der 5. Platz für Amalia und auch Fabienne konnte sich in der Top 10 platzieren. Thüringen konnte sich dieses Jahr somit zwei Top 5 und zwei Top 10 Platzierungen schnappen, was im Vergleich zu letztem Jahr eine große Verbesserung ist (da hatten wir leider niemanden in der Top 10). Nach dem Turnier hieß es dann Freizeit und Spaß bis zur Siegerehrung am Abend, welche nach knapp 3 Stunden auch geschafft war.

Ich möchte allen Spielerinnen und Spielern, Trainern sowie Eltern an dieser Stelle nochmal Danke für die schöne Woche sagen, in der man den Zusammenhalt in der Delegation und die Freude am Schachspiel stets gemerkt hat. Alle Teilnehmer (ich konnte leider nicht zu allen etwas schreiben) haben sicher viel gelernt und gehen hoffentlich mit ganz viel Motivation in die nächste Saison, genauso wie die Zuschauer zuhause, die jetzt Lust auf DEM bekommen haben. Denn nach dem Turnier ist vor dem Turnier :)

eingereicht von der Jugendlandestrainerin Ha Thanh Nguyen